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Yusufeli - Kars

Wir brauchen 3 Tage bis Kars. Etliche Bergetappen stehen bevor. Das bedeutet wiederum einiges an Höhenmetern (nachzuschauen in der Statistik), teilweise Gegenwind, andererseits auch Rückenwind, Abfahrten – einfach alles was dazu gehört. Am ersten Tag werden wir überrascht: wir fahren einem Staudamm entlang, den es auf der Karte, Papierkarte und google maps, gar nicht gibt. Als erstes erblicken wir die Staumauer, dann den Stausee und eine rieisige Tafel, welche Auskunft über den Stausee gibt. Es steht, geschrieben, dass es der 4-grösste Staudamm der Welt sein soll. Wir sind kritisch, als wir das lesen und können es kaum glauben, denn von unserem Blickwinkel aus sieht es nicht danach aus. Erst als wir dem See entlang fahren, erkennen wir die Dimension des Sees mit seinen vielen Seitenarmen. Entsprechend fahren wir fast 10 km mehr als geplant. Eindrücklich wars alleweil. 

Am Mittag müssen wir noch einen kurzen Abstecher von rund 1km in eines der wenigen Dörfer entlang unserer Strecke machen, um uns mit Wasser einzudecken. Gleich neben der Moschee ist der kleine Markt, davor sitzen etliche Männer und sind am warten. Der sonst übliche Cay fehlt wegen des Ramadans. Dieses Bild treffen wir momentan überall an. Männder sitzen in den Teehäusern oder draussen an den leeren Tischen. Ein spezielles Bild. Als wir mit unseren bepackten Fahrrädern vorfahren, sind wir natürlich die Attraktion und Abwechslung des Tages. Fotos und Selfies werden gemacht. Während wir am Fotografieren sind, ruft der Muezzin zum Gebet. Nach und nach verschwinden die Männer in der Moschee. Nur der Ladenbesitzer nimmt sich Zeit, will seine Fotos machen und sucht sich für das Selfie als Hintergund einen schönen Lindenbaum aus!

 

Am Abend ist wieder Zelten angesagt. Wir suchen uns einen Platz im Grünen. Dieses mal fehlt der See leider und der Fluss fliesst auch nichts direkt neben dem Zelt durch! Nichts desto trotz, der Platz ist gut gelegen, wir sind nicht im Blickfeld von vorbeifahrenden Autos oder Leuten. Das Aufstellen des Zeltes geht bereits viel schneller! Uns bleibt vor dem Nachtessen sogar noch etwas Zeit, uns in der Sonne hinzulegen und etwas zu lesen. Herrlich! Nach dem Nachtessen verschwinden wir relativ schnell im Zelt. Zum einen wird es frisch und die Mücken fressen uns!

Am nächsten Morgen fahren wir früh los. Die Sonne geht bereits um halb fünf auf, an Tiefschlaf ist nicht mehr zu denken. Wir brechen unser Zelt ab, frühstücken und sind fast bereit zum losfahren, als auch bereits die erste Kuhherde auf die Weide neben unserem “Zeltplatz” getrieben wird. Die beiden Frauen sind überrascht, uns hier anzutreffen, genau wie wir, die keine Kuhherde erwartet haben!

 

Im nächsten Dorf decken wir uns mit Früchten ein. Es ist Markttag. Uns präsentiert sich ein schönes Bild. Frischer Käse, Honigwaben, Früchte, Kleider, Werkzeug, alles wird auf diesem regionalen Markt angeboten. Was uns immer wieder überrascht, die Bewohner lassen sich gerne fotografieren (mit und ohne uns) und scheinen keine Hemmungen zu haben. Wenn schon bin ich es, der sich scheut, die Kamera auf Personen zu richten.

 

Am frühen Nachmittag treffen wir in Göle ein. Staubige Strassen, armselig wirkende Häuser – das Hotel lässt zu wünschen übrig. Während wir durchs Dorf fahren, galoppiert ein Reiter mit seinem Pferd durch die Strasse, Pferdewagen gehören ebenso zum Dorfbild wie die vielen grossen Traktoren, 4X4 – die Gegensätze könnten nicht grosser sein. Zum ersten Mal auf unserer Reise erleben wir die Bewohner eher als ablehnend uns gegenüber. Wir sind froh, hier nur eine Nacht zu verbringen und am nächsten Morgen die Reise fortsetzten zu können.

 

Kaum haben wir Göle verlassen, kommen uns auf der Strasse zwei Reiter im Galopp entgegen. Von Weitem haben diese beiden Jugendlichen uns wohl entdeckt und wollten schauen, wer daherkommt. Wir kommen uns vor wie im wilden Westen, nur dass wir im “wilden Osten” sind und es hier gar nicht so wild zu und her geht. Das Landschaftsbild hat sich verändert. Wir bewegen uns zwischen 1500 und 2300 müM auf einem hügeligen Hochplateau. Vermehrt treffen wir auch Kuhherden an, welche von Kuhhirten gehütet werden. Die grösseren Herden werden von Cowboys bewacht. Einmal mehr sind wir von dieser Weite überwältigt. Einfach unbeschreiblich. Andererseits werden wir auch mit der Armut konfrontiert. Die  Häuser sind einfache Steinhäuser, ohne fliessend Wasser. Zum Heizen in den eisigkalten Wintern werden getrocknete Kuhfladen benutzt. Diese gestapelten Haufen treffen wir aktuell überall an. Wie kalt der Wind im Winter blast, können wir nur erahnen. Wir haben mit heftigem Gegenwind zu kämpfen und das bergauf. Die Passhöhe liegt bei 2334müM! Ich zweifle zum ersten Mal, ob ich die Distanz bei diesen Bedingungen bis Kars schaffe! Markus, ganz Gentleman, nimmt mir etwas Gewicht ab! Nach einer Pause und einigen Dörrfrüchten schaffen wir die Passhöhe! Welche Erleichterung!

 

Die Provinz lebt mehr schlecht als recht von der Viehwirtschaft und dem Kleingewerbe. Die Arbeitslosenquote liegt bei ca. 60%.

 

Wir erreichen Kars am frühen Nachmittag. Es liegt nur 50km von der armenischen Grenze entfernt. Kars ist eine türkische Provinzstadt mit russischem Einfluss, was an etlichen Bauten noch zu erkennen ist. Kars als Ort hat eine bewegte Geschichte, wechselten sich diverse Regenten über die Jh hinweg ab (Bagtiden, Seldschuken, Georgier, Armenier, Osmanen, Russen). Gleichzeitig ist es auch Ausgangspunkt für die Besichtigung der Ruinenstadt Ani, einst armenische Hauptstadt.

 

Auffallend sind beim Schlendern durch die Stadt die vielen Läden, welche Hartkäse und Honig verkaufen. Sonst wird eher der weiche, weisse Schafs- oder Ziegenkäse serviert. Es ist eine Augenweide, diese kleinen Geschäfte anzuschauen.

 

Markus ist übrigens ein richtiger Honigliebhaber geworden. Der frische Honig wird hier direkt mit der Wabe serviert. Markus kann gar nicht genug davon bekommen. Entsprechend hat sich seine Essgewohnheit beim Frühstück verändert. Markus’s Frühstück sieht seit einiger Zeit immer gleich aus: Brot, viel viel Honig, frischer Schafskäse und Oliven. Wenn er dann seine Portionen Honig gegessen hat, solltet ihr sehen, wie er in die Pedale tritt! Ich komme ihm kaum mehr nach! Ich rufe ihm dann zu: “Häsch wieder die Honigtritt drin?”

 

Heute haben wir die Ruinenstadt Ani besucht, auf komfortable Art. Wir haben uns ein Taxi genommen um dorthin zu gelangen. Während fast 2h sind wir auf dem riesigen Gelände herumgelaufen, haben uns die Reste der Stadt, der Kirchen, Moscheen, Stadmauern angeschaut und uns in die Geschichte dieser Stadt etwas vertieft. Ein lohnenswerter Ausflug.

 

Und immer noch warten wir auf sommerliche Temperaturen! Es ist Mitte Juni, wir sind im Süden, aber eben in den Bergen….

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Kommentare: 2
  • #1

    Fatma (Freitag, 16 Juni 2017 22:18)

    Liebe Marie-Claire,
    So schön wie du die ganze Reise kommentierst. So bekommen wir auch etwas mit.
    Ich bin in Gedanken viel bei euch, hoffe, das es euch gut geht, dass ihr nur lieben Menschen begegnet, dass das Wetter gut ist...
    Alles Liebe und schönen Gruss an Markus.
    Wenn ihr zurück seid, frühstücken wir bei uns mit Weisskäse und Oliven. Honig lässt sich sicher auch organisieren.
    Viel Glück!

  • #2

    Beatrix (Samstag, 17 Juni 2017 21:00)

    Liebe Marie-Claire, lieber Markus
    Ich bin bereits süchtig nach eurem Blog. Täglich schaue ich nach, damit ich ja nichts verpasse von euren Abenteuern und Erlebnissen. Dass Markus den Wabenhonig so liebt, kann ich seit letzter Woche nachvollziehen: Mit der Klasse war ich beim Imker. Er schnitt Honigwaben frisch auf und servierte die "Zeltli" den Kindern. Das war der grosse Hit. Alle schwärmten, denn das Wachs konnte man noch kauen wie Kaugummi. Alles Gute auf eurer Weiterreise!