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Samarkand - Taschkent

Wir fahren am 13. September nicht allzu spät los, schliesslich wollen wir wieder einige Kilometer weiter kommen. Zum ersten Mal seit langem ziehen wir am Morgen das langärmlige Veloshirt und die Windstopperjacke wieder an. Die Temperaturen am Abend, in der Nacht und am Morgen sind in kuzer Zeit merklich zurück gegangen. Sind das die ersten Vorboten des Herbstbeginns? Immerhin ist es tagsüber nach wie vor sommerlich warm. Dies gibt uns die Möglichkeit, weiterhin unsere Mittagspause im Freien zu geniessen. Bis Taschkent sind es ingesamt 335 km. Abhängig davon, wie schnell wir vorwärts kommen schaffen wir dies in 3, allenfalls 4 Tagen. Der Gegenwind bleibt uns vorerst treu. Wie sollte es auch anders sein? Wir regen uns aber nicht auf. Da wir nicht mehr unter Zeitdruck fahren müssen wie in Trukmenistan pedalen wir vor uns hin.

Wir folgen anfänglich der zweispurigen Hauptverkehrsachse. Der Verkehr hält sich aber in Grenzen. Sofern es möglich ist, versuchen wir auf Parallelstrassen  zu fahren. Hier hat es definitiv viel weniger Verkehr, es ist ruhiger. Dafür nehmen wir in Kauf, dass die Strassen holpriger und mit vielen Schlaglöchern versehen sind. Auf diesen Strassen dominieren die alternativen Verkehrsmittel: Eselkarren und Fahrräder, einige uralte Autos, welche aus unserer Sicht am Auseinanderbrechen sind. Immerhin nützen sie noch als Transportmittel: viele dieser Autos sind voll beladen mit Melonen, welche zur Zeit überall am Strassenrand verkauft werden.

 

Am ersten Tag erreichen wir die Stadt Jizzakh und somit haben wir auch die Möglichkeit in einem Hotel zu übernachten. Der Weg zum Hotel führt uns durch kleine verwinkelte Strassen. Etliche Usbeken sitzen vor ihren Häusern, bieten ihre Waren feil. Es pulsiert richtig. Wie immer in Usbekistan dauert es einige Zeit bis wir ein Zimmer bekommen. Spontanität scheint es zumindest in diese Bereich nicht zu geben. Meistens erfolgen Telefonanruf, geschäftiges Tun, erledigen von irgendetwas, während Markus an der Réception steht. Ich warte draussen und passe währenddessen auf unsere Velos und das Gepäck auf bis Markus mir das o.k. gibt, dass ich die Fahrräder entladen kann.

 

Die Restaurantauswahl ist nicht gerade gross. Dafür erhalten wir im ausgewählten Restaurant einen Spezialservice: wir dürfen/müssen in einem Chambre Sépare essen. Das hat seinen Grund: der grosse Speisesaal ist voll besetzt, eine Geburtstagsparty ist am Laufen, laute Musik ertönt, es ist relative dunkel. Das wollten uns die jungen Serviceleute wohl nicht zumuten. Umso eifriger haben sie uns zu viert bedient. Immer wieder schauen sie nach uns, fragen, ob alles korrekt ist, schenken Wein und Wasser nach. Natürlich interessieren sie sich auch dafür, was uns überhaupt hierher verschlagen hat. Beim Servieren des Hauptganges wird das Licht gelöscht, auf dem Teller ist nebst dem Essen eine brennende Kerze drauf! Wir haben ja gar nicht Geburtstag! Und zu guter Letzt machen sie noch ein Foto zusammen mit uns und überreichen uns einen Printout davon! Welch schöne Geste!

Wir getrauen uns fast nicht zu sagen, was uns dieses Essen gekostet hat: 2 Salate, 2 Hauptgänge, eine Flasche Wasser und eine Flasche Wein für CHF 7.50! Wir haben unseren Augen kaum getraut. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass sich hier kaum je ein Tourist verirrt! Ob wir uns wohl wieder an die Schweizerpreise gewöhnen können?    

Zum Frühstück gibt es Milchreis, frisches Brot, ein Ei und etwas Wurst. Das wars dann. Markus hat sogar den Milchreis gegessen, das soll etwas heissen!

 

Die nächsten beiden Tage sind nicht spektakulär. Das Landschaftsbild wiederholt sich, es ist flach, das eine Feld löst das nächste ab, ab und zu hat es wieder einen Kanal, ein kleines Restaurant, wo wir uns einen Tee genehmigen. In den Dörfern und kleinen Städten herrscht emisges treiben bei den Bazars, ansonsten ist nicht viel los. Einzig ich mache einen kleinen Patzer beim Überqueren eines Bahngeleises: ich bleibe mit dem Vorderrad im Gleis hängen, der Klassiker und falle seitlich um. Gottlob haben wir noch unsere Packtaschen am Fahrrad, welche den Sturz etwas dämpfen.

 

Am späten Nachmittag des 3. Tages fahren wir in Taschkent ein. Wir tauchen in eine neue moderne Welt ein. 7 spurige Strassen, riesengrosse Kreisel, wahnsinnig grosse Bauten, weitläufige Parkanlagen, Hotel über Hotel, Alleen soweit das Auge reicht; alles erscheint überdminensioniert. Einfach unglaublich!

 

Hier lassen wir es uns gut gehen. Wir steigen in einem 5-Sterne Hotel ab (zu einem Preis, davon können wir zu Hause nur träumen), geniessen die 70m2 Suite, ich gönnen mir eine Sportmassage, wir trinken guten Wein und essen fürstlich. Die Stadt erkunden wir als normale Touristen mit einem City TourBus, der uns zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten fährt.

 

Taschkent wurde im April 1966 von einem Erdbeben der Stärke 9 auf der Richterskala erschüttert, bis Ende 1966 gab es weitere 1000 Nachbeben. Dabei wuden grosse Teile der Stadt zerstört. Dies gab den Stadtplanern die Möglichkeit, ihre Vision einer neuen Stadt als Symbol sowjetischer Modernität in Asien umzusetzen. Dabei wurden auch leicht beschädigte Gebäude der traditionellen Viertel abgerissen. Gebaut wurden eine Metro, neue Verkehrswege, Strassen wurden verbreitet, Parks erweitert und höhere Gebäude als zuvor gebaut. Auch in den 80er Jahren setzte die Expansion fort; Shopping center  und Wohngebiete, Veranstaltungshallen und vieles mehr wurden im pompösen Stil errichtet. Seit der Unabhängigkeit Usbekistans im Jahre 1991 wird die Stadt weiter renoviert und umgebaut.

 

Welche Gegensätze wir in Usbekistan erleben! Da die einfache Landbevölkerung, wir fühlen uns um 50 Jahre zurück versetzt, hier die Moderne einer Grossstadt, mit Shoppingcentern, Luxusläden wie bei uns an der Bahnhofstrasse, die breiten, perfekten Strassen im Vergleich zu den holprigen Strassen auf dem Lande, einfachste Unterkünfte, vom Zelt bis zum 5 Sterne Hotel, Prunkbauten im Gegensatz zu den Plattenbauten aus der Sowjetzeit, architektonisch wunderschöne Moscheen, Medresen, Bazare entlang der Seidenstrasse, einfaches aber sehr gutes usbekisches Essen im Vergleich zum Feinschmeckerlokal in Taschkent…

 

Wir brauchen noch etwas Zeit um all diese Eindrücke zu verdauen.    

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Kommentare: 1
  • #1

    Jochen (Sonntag, 17 September 2017 20:13)

    Ich mag eure authentischen Fotos. Sie nehmen mich ein wenig mit auf eure Reise. Ich wünsche euch weiterhin gute Abenteuer.