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Bosteri - Chinesische Grenze - Ziel erreicht!

Das Warten und Nichtstun in Bosteri hat sich ausbezahlt. Nach unseren ungewollten Ruhetagen wartet schönes, aber kaltes Wetter auf uns. Wir frühstücken ein letztes Mal im Hotel, aber in unserem Zimmer mit unserem selbst zusammengestellten Frühstück, da wir nicht zu spät wegfahren wollen. Wir sind froh, unsere Räder wieder zu bepacken und endlich losfahren zu können. Wir geniessen die Fahrt mit Blick auf See und die verschneiten Berge, die schön herbstlich gefärbten Bäume und Alleen. Wir passieren etliche kleine Strassendörfer. Einige dieser Dörfer sehen fast wie “Geisterdörfer” aus. Viele der kleinen Läden sind geschlossen und winterfest gemacht. Dies ist verständlich, hat es doch nur noch wenige Touristen wie wir, die sich in dieser Jahreszeit in diese Gegend verirren. Die letzten Äpfel und Gemüse werden noch verkauft, auf den Feldern werden Kartoffeln von Hand geerntet. Ab und zu sitzen einige Männer oder Frauen vor ihren Häusern, halten einen Schwatz und geniessen die wärmenden Sonnenstrahlen. Schulkinder winken uns zu, einige Knaben, die ein Fahrrad besitzen, begleiten uns ein kurzes Stück unseres Weges.    

Während diesen letzten paar 100km unserer Reise durchleben wir ein Wechselbad der Gefühle: uns beschleicht ein mulmiges Gefühl, sind wir doch fast am Ende unserer Reise angelangt, dann wieder fehlt uns der Motivationsschub. Die Strassen sind beschwerlich zu befahren, es ist holprig und löchrig, es geht teilweise wieder bergauf und was natürlich nicht fehlt, ist der Gegenwind. Hört dieser denn nie auf? Die Autofahrer sind crazy, es ist das erste Mal, wo ich mich im Verkehr sehr unsicher fühle. Im Gegenzug werden wir durch die Schönheiten der Natur entschädigt. Wir erleben das frisch verschneite unendlich weite Hochplateau vor der Kasachischen Grenze, die Sonne lässt alles in einem wunderbaren Glanz erscheinen – es ist einfach unglaublich schön.

 

In dieser verlassenen Gegend gibt es keine Unterkunftsmöglichkeiten mehr, zelten ist wieder angesagt. Das erste Mal finden wir einen schönen Platz mit Sicht auf den Issyk Köl. Die zweite Nacht verbringen wir auf ca. 1800 MüM in einer schönen Mulde, etwas geschützt vor dem starken Bergwind und den kalten Temperaturen. Markus macht jeweils ein Feuer um uns ein bisschen zu wärmen. Doch auf dieser Höhe hilft mir dies nicht viel, ebensowenig wie der heisse Tee mit einem Schuss Cognac. Nach dem Nachtessen verziehe ich mich komplett durchfroren und nach Rauch riechend ins Zelt. Markus ist fürsorglich wie immer und macht mir noch eine Bettflasche mit heissem Wasser! Das hilftJ

 

Am darauf folgenden Tag ist unser Zelt mit Frost bedeck, es hat sogar etwas Schnee auf unseren Packtaschen. Die letzten Höhenmeter vor dem Grenzübertritt zu Kasachstan stehen auf dem Programm. Wir treten schon eine Weile gemächlich in die Pedale als vor uns ein Auto hält. Und wer steigt aus? Corinne und Christian, welche wir in Khiva kennen gelernt haben, haben uns eingeholt. Welch schöne Überraschung! Das muss gefeiert werden! Wir vereinbaren, uns im Hotel Kegen in Kasachstan zu treffen und den Abend gemeinsam zu verbringen. Vor der Grenze überfahren wir in letztesmal die 2000m ü.M. Marke und erreichen am späteren Nachmittag unser Ziel. Kegen ist ein verlassenes Nest, es hat genau ein Hotel, die Restaurants sind alle zu. Wir wissen uns aber zu helfen und kaufen uns leckere Samosas, Brot und Käse, Snacks, Bier und Cognac ein und machen es uns zu viert im Hotel gemütlich.

 

Am 9. Oktober liegt die Fahrt von Kegen zum Charyn Canyon auf dem Programm. Der Besuch des Canyons ist uns eine zusätzliche Schlaufe wert! Zudem gibt es im Canyon selbst eine Eco-Lodge zum Übernachten, das passt doch perfekt. Schon der erste Teil der Fahrt dorthin ist herrlich: Steppen, so weit das Auge reicht, Pferdeherden, die unseren Weg kreuzen, sonniges Wetter und wieder wärmere Temperaturen – einfach herrlich. Die letzten 10km zum Canyon sind Naturstrasse, Wellblech, Löcher – was solls, wir freuen uns auf das Naturschauspiel und die herrliche Aussicht. Nach gut einer Stunde kommen wir am Eingang des Parkes an und stellen fest, dass die Lodge noch 3,5 km entfernt unten im Canyon liegt. Auch das sollte zu schaffen sein, haben wir zumindest gedacht. Doch als wir den Anfahrtsweg sehen, bleibt uns die Spucke weg! Wie sollen wir mit unseren beladenen Fahrrädern diesen steilen Weg herunter kommen und erst wieder hinauf? Für uns ein unmögliches Unterfangen! Uns bleibt nichts anderes übrig, als wieder unser Zelt aufzuschlagen, was aber gar nicht schlecht ist. Wir sind die einzigen Besucher hier, das ganze Canyon scheint uns allein zu gehören – und dieser Sternenhimmel und diese Ruhe. Fantastisch!

 

Am Morgen geniessen wir den Sonnenaufgang und ein gutes Frühstück; der Canyon liegt uns zu Füssen.

 

Zuerst gilt es, die Naturstrasse wieder zurück zu fahren um unseren Weg nach Chundzah und anschliessend Zharkent, dem letzten Ort vor der chinesichen Grenze  fortzusetzen. Wie immer, halten wir nach ca. 2h Fahrt eine erste Rast. Wir setzen uns auf den Randstein der Strasse, surfen ein wenig, plaudern und fahren dann weiter. Ca. 20km weiter brauche ich eine Biopause. Während ich so hinter dem Gebüsch bin, höre ich Markus sagen: “So so!” Was das wohl zu bedeuten hat? Als ich ihn darauf anspreche, teilt er mir mit, dass er das Handy beim letzten Stopp liegen gelassen hat! Das darf doch nicht wahr sein!

 

Da gibt es nur 2 Möglichkeiten: entweder Markus radelt die 20km zurück oder macht Autostop. Er entschliesst sich für letzteres, ich bleibe bei den Velos. Wir sind beide erstaunt, wie schnell er mitgenommen wird. Bereits das 2. Auto hält an. Ich setze mich mit meinem Tablet an den Strassenrand und lese meinen Krimi weiter. Nach etwas mehr als einer halben Stunde ist Markus bereits wieder zurück, inkl. Handy. Es lag noch immer auf dem Randstein, genau da, wo er es liegen gelassen hatteJJ

 

Am 11. Oktober fahren wir einen grossen Teil der Strecke nach Zharkent auf der brandneuen Autobahn, welche Khorgos (China) mit Almaty verbindet. Es sieht so aus, als sei dies Teil der neuen Seidenstrasse, von welcher in letzter Zeit immer wieder Berichte in der Zeitung erschienen sind. Die Fahrt auf der Autobahn ist stressfrei, wir haben wieder einmal unseren Pannenstreifen für uns und Autos hat es auch kaum. Erst als wir die Autobahn verlassen, wird es wieder “kriminell”. Wir sind heilfroh, als wir endlich in Zharkent ankommen. Am Abend verlassen wir das Hotel nur kurz fürs Nachtessen. Die Luft ist voller Rauch, eine richtige Smogglocke hat sich über den Ort gelegt. Da die Temperaturen nachts um den Gefrierpunkt liegen, wird in den Häusern kräftig mit Holz und Kohle eingeheizt, das hinterlässt Spuren. Einmal mehr stellen wir fest, wie gut es uns zu Hause geht.

 

Der 12. Oktober ist unser grosser Tag! Genau 7 Monate nachdem wir unsere Reise angetreten haben, erreichen wir nach 10’615km unser Ziel! Von Zharkent aus fahren wir die rund 30km bis an die chinesische Grenze bzw. dem ersten Grenzposten. Weiter können wir ohne chinesisches Visa nicht fahren! Schon km vor der Grenze stauen sich hier die Lastwagen und warten auf ihre Einreise. Da spielen sich richtige Lastwagenrallys ab. Sobald sich die Kolonne in Bewegung setzt und einige Lastwagen eingelassen werden, wird um jeden Zentimeter gekämpft. Uns bleibt nichts anderes übrig, als möglichst rasch auf die Seite zu gehen um nicht überfahren zu werden und die Abgaswolken über uns ergehen zu lassen! Ein Schauspiel ist es alleweil.

 

Wir suche uns ein einigermassen ruhiges Plätzchen aus, setzen uns auf einen Lastwagenpneu, stossen auf unsere Reise an und geniessen einfach den Moment!

 

Auf der Rückfahrt nach Zharkent hängen wir beide unseren eigenen Gedanken nach. War’s das schon? Was kommt als Nächstes? Was machen wir jetzt in den kommenden Tagen, wir haben ja gar kein Tagesprogramm mehr…. und und und

 

Am 13. Oktober nehmen wir ein Taxi und lassen uns nach Almaty chauffieren. Wir haben keine Lust, 300km Autobahn zu fahren, alles geradeaus. Zudem bietet diese Strecke keine landschaftlichen Higlights. Es ist flach, flach flach…

 

Nun sind wir in Almaty, bereiten unsere Rückreise vor, schauen uns die Stadt an und geniessen die schönen Herbsttage, feines Essen und das auch noch in bester Gesellschaft von Guido und Rita, welche ebenfalls mit dem Fahrrad unterwegs sind.

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Marlies (Dienstag, 17 Oktober 2017 12:26)

    Tatsächlich wird es auch für uns so sein, (wir, die euren Blog eifrig mitgelesen haben), dass etwas in unserem Alltag fehlen wird. Ich bedanke mich sehr herzlich für eure spannenden, interessanten, lebhaften und bunten Schilderungen und die wunderschönen Fotos.
    Wünsche euch nun eine gute Heimreise, gutes Ankommen und hoffentlich bald...... ein neues Abenteuer zum mit verfolgen .)

  • #2

    Heinz (Mittwoch, 18 Oktober 2017 16:57)

    Herzliche Gratulation für das Erreichen und das erst noch ohne verkehrstechnische Zwischenfälle!!
    Ich hoffe, dass die Rückreise auch gut verläuft und die Fahrräder auch wirklich in Obfelden ankommen. Wir freuen uns euch irgendwann wieder zu sehen.
    à bientôt

  • #3

    Daniel Wäger (Donnerstag, 19 Oktober 2017 10:01)

    Herzliche Gratulation zu eurem phantastischen Abenteuer!
    Eine gute Rückreise und ein sanftes Einfädeln im Schweizer Alltag und dem kommenden Winter wünscht euch,
    Daniel

  • #4

    Walter Baumann (Samstag, 21 Oktober 2017 17:03)

    Herzliche Gratulation für diese tolle Leistung. Die vielen schönen Erlebnisse und Eindrücke werden euch prägend in Erinnerung bleiben und ich glaube auch für die Zukunft bestimmend sein.
    Herzliche Grüsse
    Walter Baumann

  • #5

    Stefanie Sacré (Mittwoch, 25 Oktober 2017 15:45)

    Glüüüückkwuuuuunsch von den Wuppis!
    Wir haben euch immer mitbegleitet und sind sehr froh, dass ihr das Abenteuer gesund überstanden habt. Dass ihr das sportlich schafft, haben wir nie bezweifelt:-)
    Gutes Einleben und auf ein baldiges
    Wiedersehen
    Stefanie und Jochen