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Gangu – Yongdeng

Der 1. Mai und die dazugehörende Woche gelten in China schlechthin als DIE Woche, in welcher Verwandte besucht werden, die Chinesen nach Hause gehen und feiern. Züge und Flugzeuge sind mehrheitlich ausgebucht, vorbeifahrende Busse sind überfüllt. In vielen Läden werden künstliche kleine Bäume/Blumengestecke verkauft. Hingegen sind wir überrascht, dass trotzdem überall reger Betrieb herrscht und vor allem gearbeitet wird. Im Vorfeld hatte ich gelesen, dass am 1. Mai alles geschlossen sei, dass man das Hotel unbedingt reservieren muss usw. Davon haben Markus und ich wenig gemerkt. Einzig am Morgen früh werden wir von Böllerschüssen geweckt. Solche werden wir den ganzen Tag noch hören. Eine 1.Mai Feier hingegen haben wir nicht gesehen. Zugegeben, wir haben uns auch  nicht sehr darum bemüht herauszufinden, wo und wann etwas stattfindet. Vielmehr fahren wir durch viele Dörfer und Städte und sind erstaunt,  wie viele Leute am Arbeiten sind, sei es am Hausbau, auf den Feldern, in kleinen Restaurants und in verschiedenen Shops. Auch in den unzähligen Garagen wird emsig repariert, Räder gewechselt und Autos gewaschen. Wahrscheinlich ist es wie bei unseren Feiertagen, auch bei uns haben nicht alle frei.

Nach den nassen Strassen vom Vortag dürfen wir am 1. Mai auf staubigen Dreckstrassen fahren. Zum ersten Mal kommen unsere Gesichtsmasken zum Einsatz. Jedes Mal wenn ein Auto oder ein Lastwagen vorbeifährt, haben wir nicht nur die Abgase im Gesicht, sondern eine riesige Staubwolke. Das wollen wir unseren Lungen nicht antun. 

 

Die nächsten beiden Velotage erleben wir nichts Besonderes. Wir lassen die unzähligen Eindrücke aus Dörfern, Städten und Land auf uns wirken. Immer wieder treffen wir Männergruppen beim Brettspiel. Die Zuschauer fiebern mit den Spielern mit, geben Tips, man kann die Konzentration richtig spüren. Im Gegenzug sitzen Frauen auf einer Bank oder einem kleinen Hocker vor ihrem Haus am Strassenrand, diskutieren und erzählen. Wir  fahren aber auch durch Dörfer, die fast ausgestorben wirken, alle Eingangstüren zum Hof sind geschlossen. Das wirkt gespenstisch.  

 

Bevor wir Lanzhou erreichen, fahren wir zum ersten Mal auf dieser Reise einen kleinen Pass über 2100 MüM. 

 

In Lanzhou gönnen wir uns einen Ruhetag, sofern wir von Ruhetag sprechen können. Sightseeing ist angesagt, und das zu Fuss. Ich habe Markus bereits gesagt, dass wir den Sportstracker an solchen Tagen besser auch einstellen sollten um zu sehen, wie viele Kilometer wir jeweils zu Fuss zurück legen! Wir schauen uns die 1907 erbaute Stahlbrücke an, welche über den Gelben Fluss führt. Den Tempel auf dem Hügel schauen wir uns nur von unten an, unsere Beine sind zu müde, all diese Treppen zu steigen. Dafür gönnen wir uns eine Pause am Fuss des Hügels mit Blick auf den Fluss. Wir machen es den Chinesen gleich und sezten uns in der schönen Anlage auf eine Mauer. Ein älterer Herr setzt sich ganz in der Nähe dazu, nimmt sein Instrument hervor und spielt vor sich hin, raucht dabei eine Zigarette. Wie beruhigend diese Melodie ist! Wir schlendern weiter durch die riesige Fussgängerzone, flanieren entlang dem Fluss und schauen dabei den tanzenden Paaren im Park zu. Die scheinen sich bestens zu amüsieren. 

 

In Lanzhou treffen wir wieder auf Zhen Chen, den jungen chinesischen Radfahrer. Wir gehen zusammen in ein fancy Lokal essen. Den Tipp hat er von einem Freund erhalten. Die Tür zum Lokal, als Bibliothek getarnt, öffnet sich nur, wenn man einem steinernen Löwen ins Maul greift – es ist wie im Fantasy Film. Kaum sind wir drin, fühlen wir uns in einer komplett anderen Welt: eine riesige Bar, Bühnen für Darbietungen und Konzert, eine ausgezeichnete Speisekarte, Wein – alles was das Herz begehrt. Wir verbringen einen amüsanten Abend in bester Gesellschaft. Nichts desto trotz – die wahnsinnigen Gegensätze, die wir in China erleben sind immer wieder omnipresent.

Von nun an gehts bergauf, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Zum Einfahren haben wir noch eine Flachetappe von 40km bevor wir dann 60km stetig aufwärts fahren, zwar in einer angenehmen Steigung, aber trotzdem! 

 

Nach etwas mehr als 100km Fahrt sehen wir zu unserer Überraschung einen neuen und vor allem offiziellen Campingplatz, den ersten in China! Bis zur nächsten Stadt Yongdeng wären es nochmals 13 km. Das ist die Gelegenheit, unser neues Zelt auszuprobieren. Wir fahren mit unseren Rädern vor und suchen uns einen geeigneten Platz inmitten des Rasens, der mit vielen kleinen farbigen Windrädchen dekoriert ist. Wir schaffen es gerade noch unser neues und vor allem grösseres Zelt aufzustellen, bevor es zu regnen beginnt. Welch herrliches Gefühl für Markus und mich, im Verleich zum Zelt vom letzten Jahr so viel Platz zu haben und gut geschützt zu sein, wenn es regnet. Damit wir nicht verhungern, schenkt uns eine junge Frau einen ganzen Sack voll Bananen, etwa 20 Stück und einige Mangos. Wer soll denn das alles essen?

 

Da es draussen windig und nass ist, verzichten wir darauf etwas zu kochen und begnügen uns mit einem kalten Nachtessen bestehend aus Früchten und Brot. Danach kuscheln wir uns in unsere Schlafsäcke ein. Wir lesen nicht sehr lange. Unsere Hände werden klamm, meine Nasenspitze kalt. Ich ziehe noch mein Stirnband an. Erst jetzt realisieren wir richtig, dass wir relativ hoch sind, es erst Anfang Mai ist und die Temperaturen entsprechen frisch sind. Am Morgen wachen wir auf, es hat Eis auf dem Zelt. Herrliches Wetter ist angesagt. Wir können das Zelt in der Sonne trocknen lassen, trinken heissen Kaffee um uns aufzuwärmen  und geniessen die Sonnenstrahlen. Wir sind bereit für die nächste Etappe.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Marlies (Freitag, 11 Mai 2018 10:22)

    danke, dass ihr euch immer wieder die zeit dazu nehmt, diesen eindrücklichen berichte zu verfassen und die imposante Bildergalerie zu erweitern. bin fasziniert