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Jiayuguan – Liuyuang (Gansu)

Was wäre China ohne seine grosse Mauer. Bis jetzt haben wir das eine oder andere Überbleibsel gesehen, aber nichst, das wirklich an die Bilder der chinesischen Mauer erinnert, wie wir sie kennen. Das ändert sich nun in Jiayuguan. Hier haben wir endlich die Möglichkeit, auf einem Stück der überhängenden chinesischen Mauer zu gehen. Diese Gelegenheit lassen wir uns natürlich nicht entgehen, ist aber, wie in vorherigen Blogs bereits erwähnt, wieder einmal mit Treppensteigen verbunden. Vom Wachturm aus haben wir einen herrlichen Blick in die umliegende Wüste, das Qinlian Gebirge, die Atomkraftwerke oder so und die unendlich vielen Hochspannungseitungsmasten. Leider ist der Blick etwas getrübt durch die Luftverschmutzung! Von der Mauer selbst sind wir etwas enttäuscht, haben wir uns diese doch viel breiter und pompöser vorgestellt. Trotzdem, das Werk, das hier vollbracht wurde ist unglaublich! Im dazugehörenden Museum erhalten wir viele weitere Informationen zur Mauer, zu den unterschiedlichen Bauweisen und vieles mehr.

Jiayuguan hat aber noch einiges mehr zu bieten. Wir schauen uns den ersten Signalturm der chinesischen Mauer mit seiner  unterirdischen Aussichtsplattform an. Die Überraschung ist gross! Von der Plattform aus schauen wir auf das underground valley: eine Schlucht mit einem 56m hohen Ufersteilhang sowie der Fluss Taolai liegen uns zu Füssen. Einen besseren natürlichen Schutwall kann es fast gar nicht geben. 

 

Als letzte Sehenwürdigkeit schauen wir uns noch die Festung von Jiayuguan inklusive dem Jiayuguan Pass an. Sie erhielt den Namen “Unbezwingare Engstelle unter dem Himmel” und war die äusserste grosse Bastion des kaiserlichen Chinas. Jenseits davon gab es nur Dämonen und die Armeen der Barbaren von Zentralasien. Im Osten der Festung befindet sich das Tor der Erleuchtung, im Westen das Tor der Versöhnung. Durch letzteres wurden Dichter, Minister, Kriminelle und Soldaten in die Vergessenheit geschickt. Wir befinden uns zwischenzeitlich ebenfalls westlich dieses Tors. Zu welcher Kategorie gehören wir wohl?  

 

Nach diesem geschichtlichen Ausflug treten wir wieder heftig in die Pedalen. Der Wind bläst zur Abwechslung von hinten. Das ist ja ein ganz anderes Fahren! Wir schaffen die knapp 400km bis zur Oasenstadt Dunhuang in 3 Tagen. Trotz Rückenwind sind es lange Etappen, so ist es auch nicht erstaunlich, dass wir jeweils am Abend etwas erschöpft sind. Das Landschaftsbild ist nicht sehr abwechslungsreich, wir sind in der Wüste angelangt und fahren stundenlang auf der geraden Strasse G312, welche mehrheitlich neben der Auotbahn verläuft. Ab und zu fährt wieder ein Tross von Lastwagen an uns vorbei, seltener ein Auto. Immerhin können wir uns nicht über zu viel Verkehr beklagen, was uns recht ist. 

 

Ortschaften gibt es immer weniger, ab un zu treffen wir auf ein kleines Dorf, mal eine Tankstelle. In der Nähe der Dörfer sehen wir viele Wüstengräber. Hier werden auch heute noch die Toten begraben. Über dem Grab wird ein Kegel aus Sand aufgeschichtet, ein schlichter Grabstein steht meistens davor. Es ist ganz speziell, an all diesen Gräbern vorbei zu fahren, es hat aber auch etwas anmutendes, beruhigendes an sich.

 

Wir schaffen es jeden Abend bis zur nächsten Stadt zu fahren, wo wir auch eine Übernachtungsmöglichkeit finden. Die Ankunft in diesen abgelegenen Städten gestaltet sich ähnlich: die Strassen werden breiter, bis zu 6 Spuren plus Velostreifen pro Fahrrichtung, das versteht sich von selbst; die Strassen sind gesäumt von herrlichen Alleen und Blumen. Bei jeder Kreuzung hat es eine Ampel – einige wenige Fahrzeuge, die man an einer Hand abzählen kann, warten darauf, dass es grün wird. Je näher wir der Stadt kommen, nimmt der Verkehr zwar etwas zu, aber nicht zu vergleichen mit unserem städtischen Verkehr. In den Strassen und Gassen treffen wir wenig Leute an. Der Schein trügt; kaum ist es Abend, beleben sich die Strassen, die Leute flanieren, machen ihre Tanzübungen auf den grossen Plätzen, gehen einkaufen oder essen. Wie wir zu sagen pflegen “Die Post geht ab”. In Yumenzhen ist zudem alles hell erleuchtet, rot beleuchtete Lampions hängen in den Bäumen, die Gebäude erleuchten in unterschiedlichen Farben, das scheint den Chinesen eh gut zu gefallen. Ganz speziell ist es in Guanzhou: hier fahren die Leute mit ihren Dreirädern auf den grossen zentralen Platz vor und schauen den Tanz- und Gesangsvorführungen zu. Es sieht aus wie in einem Autokino. Wir gesellen uns natürlich auch zu den Zuschauern, leider ohne Dreirad! 

 

In Donhuang gönnen wir uns eine Pause. Donhuang ist trotz seiner Abgeschiedenheit dank der Wind- und Solaranlagen eine reiche Stadt.  Das Pro-Kopf-Einkommen gehört zu den höchsten in China. Dunhuang war schon zu früheren Zeiten Zufluchtsort für müde Reisende. Das nehmen wir uns gleich zu Herzen! Das soll schliesslich auch für uns Gültigkeit haben. Von der Vergangenheit merkt man in der Stadt nicht mehr viel. Es ist eine sehr moderne Stadt mit vielen Shoppingstrassen, vergliechbar mit der Bahnhofstrasse oder einer sonstigen Fussgängerzone einer Grossstadt. Der Nachtmarkt erinnert stark an die Souvenirstrassen von Mallorca. Lokale Souvenirs werden hier verkauft, darunter natürlich unzählige Arten von Plüsch-Kamelen, Buddhas in Stein, Silber oder in Holz geschnitzt, farbige Portemonnaies, Sonnenbrillen jeglicher Couleur, Armbänder, Tücher …. Natürlich gibt es auch viele gedörrte Früchte, Nüsse, sonstige getrocknete für uns undefinierbare Esswaren. Gottlob sind wir nicht während der Hochsaison hier. Wir können gemütlich durch die Strassen schlendern, es gibt kein Gedränge. Die zum Teil noch leeren Stände und die vielen Lokale sind ein klares Zeichen dafür, dass es während der Hochsaison ganz anders zu und her geht. 

 

Wenige Kilometer ausserhalb der Stadt Dunhuang erheben sich unbeschreiblich schöne Sanddünen. Diese landschaftliche Schönheit lassen wir uns nicht entgehen. Wir verzichten aber aufs Kamelreiten, das vor Ort angeboten wird, ziehen uns orange Überziehschuhe an und erklimmen eine der Dünen. Von Oben schauen wir den Karawanen zu, die sich durch die Wüste bewegen….. Kamele mit Touristen, wohlverstanden! Aber aus der Ferne sieht es ganz echt aus, wie zu alten Zeiten! Auf dem Rückweg halten wir im Silk Road Hotel, genehmigen uns einen kühlen Eiswein auf der Dachterrasse und geniessen für eine Weile die Ruhe und den herrlichen Ausblick auf die Dünenlandschaft, bevor wir zurück in die Stadt fahren. Es fühlt sich an wie Ferien!

 

Der Besuch der Mogao-Grotten ist ebenfalls Teil unseres Programms. Die Grotten gelten als die wichtigste Sammlung buddhitischer Kunst weltweit. In der Blütezeit gab es hier 18 Klöster, über 1400 Mönche und Nonnen sowie unzählige Künstler, Übersetzer und Kaligrafen. Reiche Händler und wichtige Amtsträger waren die Hauptgeldgeber für den Ausbau neuer Grotten, da die Karawanen lange Umwege über Mogao machten, um dort zu beten oder für eine sichere Reise  zu danken.

 

Auch wenn wir schon einige Grotten besucht haben, jede ist für sich einmalig, ist geprägt von einem eigenen Stil und hat ihre eigene Geschichte. Viele der Mogao-Grotten sind für Touristen nicht zugänglich, man will verhindern, dass die Kunstwerke zerstört werden. Nur wenige ausgewählte Grotten können mit Führer besucht werden. Da kaum ausländische Touristen anzutreffen sind, haben wir zusammen mit einem Amerikaner fast eine private Führung. Das verschafft uns Zeit und vor allem auch Raum, um im Innern der Grotten etwas zu verweilen und die Details anzuschauen. Unser Guide hat uns erzählt, dass während der Hochsaison oftmals nur 1 Minute Zeit bleibt, um eine Grotte anzuschauen, da bereits die nächste Gruppe draussen wartet. Schön, dass wir das nicht erleben müssen. 

 

Dunhuang hat vielese zu bieten, so auch unsere ersten Sandstrum! Nach einem sonnigen Tag sind wir zurück im Hotel. Plötzlich wird es düster, ein heftiger Wind kommt auf, es sieht nach Weltuntergangsstimmung aus. Zuerst denken wir an ein heftiges Gewitter. Erst ein Blick aus dem Hotelfenster belehrt uns eines Bessern: Sand wirbelt durch die ganze Stadt, wer nicht unbedingt draussen sein muss, bleibt drinnen. Wir natürlich auch! Wir schauen uns den Strum aus dem Hotelfenster an und hoffen, dass wir keine weiteren Stürme erleben, vor allem dann nicht, wenn wir auf dem Fahrrad sitzen!

 

Was uns während den Stadbesichtigungen etwas fehlt, sind die schönen Kaffees oder Teehäuser, wie wir sie kennen. Überall gibt es kleine Esslokale und Restaurants, aber immer nur zum Essen. Vielleicht schauen wir einfach am falschen Ort! 

 

A propos Essen, was wir nicht alles erleben. Beim Frühstücksbuffet steht Markus beim Toaster und will 2 Scheiben Toast in den Toaster stecken. Er staunt nicht schlecht, als vor ihm eine Chinesin den Toast mit Butter und Konfitüre bestreicht und dann in den Toaster steckt. In einem andern Hotel hat es nebst den Essstäbchen und dem Geschirr genau 2 Messer und 2 Gabeln, wie aufmerksam das Hotelpersonal doch ist. 

 

Wir verlassen Dunhuang am frühen Morgen bei kalten Temperaturen. Man stelle sich vor, auf der Strecke Zürich - Bern zu fahren und nie eine Kurve fahren zu müssen. Genau das ist unsere Tagesstrecke. Soweit das Auge reicht, ob wir vorwärts oder rückwärst schauen, die Strasse verläuft geradeaus. Immerhin treffen wir auf 2 Kamelherden, dieses Mal ohne Touristen. Das ist in etwa das ganze Highlight des Tages und erinnert immerhin daran, dass wir uns auf der Seidenstrasse befinden. Nebst dem Pedalen haben wir uns eine weitere Beschäftigung vorgenommen: wer von uns findet einen geeigneten Campingplatz? Schliesslich soll unser Auge etwas mehr dafür geschärft werden. Nach etwas mehr als 100km entscheiden wir uns tatsächlich zu campen und die restlichen 35km bis zur nächsten Stadt für den Folgetag aufzuheben. Wir finden ein schönes Plätzchen in der Kieswüste hinter einer kleinen Erhebung, weg vom Verkehr. Hier bauen wir unser Zelt auf, gönnen uns ein chinesisches Noodle-Fertiggericht und legen uns früh schlafen. Auch Zelten hat seinen Reiz, uns gefällt es.

 

Die restlichen km bis nach Liuyuang legen wir zügig zurück, auch wenn es etwas bergauf geht. Liuyuang ist der Inbegriff von hässlich. Es ist eine Indusriestadt, alles scheint staubig und dreckig zu sein, was ja auch nicht überraschend ist für eine Wüstenstadt. Hier decken wir uns wieder mit Proviant und Wasser für die nächsten Etappen ein.

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