· 

Einreise ins autonome Gebiet Xinjiang

Wir verlassen Liuyung in aller Frühe, nachdem wir unser eigen zubereitetes Frühstück auf dem Zimmer eingenommen haben. Uns steht eine Tagesetappe von rund 100km bevor. Wir trampen beide vor uns hin, sind in insere Gedanken versunken. Ab und zu machen wir eine Bemerkung zur Wüstenlandschaft, einer Blume die wir am Strassenrand entdecken. Sonst herrscht Ruhe. Anfänglich fahren wir noch auf der G312, unserer “Standardstrasse”, zweispurig mit Gegenverkehr, welche nach etlichen Kilometern mit der Autobhan zusammengeführt wird.  Je länger der Tag dauert, je stärker wird der Wind. Wir werden vom Wind richtig durchgeschüttelt: wir haben Seitenwind, wenn ein Lastwagen von hinten kommt und an uns vorbeifährt, gibt es einen guten Schub vorwärts, wenn der Lastwagen von vonre kommt, bremst uns der Wind, den er verursacht, ab – man stelle sich vor, alles geschieht gleichzeitig! Ich kann das Velo teilweise fast nicht mehr halten. 

Kurz vor Xingxingxia, unserem Ziel, müssen wir gar absteigen um überhaupt eine kleine Steigung hochzukommen. Endlich kommen wir in der “Stadt” an, zumindest ist es so auf der Karte vermerkt. Von Stadt kann aber überhaupt nicht die Rede sein! Es hat gerade mal einige Läden, 2 oder 3 Hotels, eine Tankstelle und viele Lastwagen. Das ist alles! Gottlob brauchen wir nicht mehr. Kurz nachdem wir im islamischen Hotel eingecheckt haben, kommt der nächste Sandsturm auf. Wir hören es draussen stürmen und toben, die wenigen kleinen Bäume und Sträucher biegen sich im Wind. Wir sind einfach nur froh, ein Dach über dem Kopf zu haben und eine schöne warme Duschen geniessen zu können. Für den Folgetag ist ebenfalls Starkwind angesagt. So kommen wir am Freitag, 25.5.2018 zu einem ungewollten “Freitag”, denn an eine Weiterfahrt ist ist bei diesem Gegenwind nicht zu denken. Im hoteleigenen Lädeli gibt es, obwohl islamisch, sogar Wein zu kaufen. So können wir uns einen Schlummertrunk bzw. einen Apéro genehmigen, während wir unseren “Freitag” mit Herumhängen um die Ohren schlagen.

Am 2. Tag in Xingsingxia wollen wir wie üblich duschen. Aber es kommt kein Tropfen Wasser aus dem Wasserhahn. Was soll denn das? Am Vortag hat doch alles funktioniert! Wir erkundigen uns beim “Hotelverwalter”. Dieser zeigt auf die gefüllten 5 Liter Petflaschen und öffnet den Wasserhahn, aus dem kein Wasser kommt. Dabei lächelt er immer freundlich. Wir schleppen einige Flaschen in unser Zimmer. Uns bleibt nichts anderes übrig, als im Teekocher Wasser aufzuheizen und uns wie zu guten alten Zeiten zu waschen. Gottlob gibt es in China in  allen Hotel-zimmern einen Wasserkocher…

 

Ausgeruht steigen wir am nächsten Tag auf unsere Räder. Nach einigen 100 Metern passieren wir eine Kontrollstelle. Willkommen im autonomen Gebiet Xinjiang. Ein Polizist Kontrolliert unsere Pässe, kopiert diese , stellt Fragen nach dem woher und dem wohin, insbesondere nach unserem nächsten Etappenziel, alles wird registriert. Dauer: ca. 30 min. Endlich können wir losfahren.

 

Heute ist Autobahn angesagt. Eigentlich ist das gar nicht schlecht für uns. Wir haben unseren breiten Velostreifen, es gibt keinen Gegenverkehr, die vielen Lastwagen ziehen uns mit ihrem Schub mit. Obwohl wir in der Wüste sind, erleben wir die Vielseitigkeit von Wüstenlandschaften: mal ist die Wüste flach, dann gebirgig oder hügelig, steinig, sandig, goldgelb, rötlich, anthrazitfarbig. 

 

Wir kommen recht gut vorwärts. Das ist auch gut so, denn wie sollen wir sonst die 130km schaffen? Nach 100km wartet bei der Zahlstelle die nächste Polizeikontrolle auf uns, dieses mal scheint es sich um Verkehrspolizisten zu handeln. Als erstes werden wir fotografiert. Ob es ein dienstliches oder eher privates Handyfoto ist, entzieht sich unserem Wissen.  Auf die Frage, wohin wir fahren wollen, anworte ich, dass wir auf dem Weg nach Kumul sind, wohl wissend, dass wir diese Etappe nicht mehr schaffen werden. Sofort startet eine Diskussion unter den Polizisten mit folgendem Ergebnis: Es sei zu gefährlich, auf der Autobahn zu fahren (nachdem wir bereits 100km zurück gelegt haben), es sei ihr Job für unsere Sicherheit zu sorgen. Kurzerhand werden unsere Fahrräder und unser Gepäck in den Pickup geladen, wir setzen uns ins Auto und werden die nächsten 80km bis zur nächsten Ausfahrt transportiert. Widerstand bringt nichts! Immerhin erhalten wir während der Fahrt ein kaltes RedBull zu trinken, das ist kein schlechter Service. 

 

Nach einer Stunde Fahrt  gibt es wieder eine normale Hauptstrasse. Die Tagesetappe vom Folgetag haben wir somit gespart. Uns bleiben noch 20km bis nach Kumul. Das schaffen wir, mit zwei weitern Unterbrüchen bei Kontrollposten.

 

Nach dem Einchecken im Hotel habn wir gerade noch genug Zeit, etwas zu essen und uns mit Lebensmitteln und Wasser für die nächsten bieden Tage einzudecken. 

 

Wir haben entschieden, nicht den direkten Weg nach Turpan zu fahren sondern die bekanntlich schöne Nordroute zu wählen, welche an der Nordseite des Tian Shan Gebirges verläuft. Hier liegt auch Barkol und der Barkolsee, mit unendlich weiten Ebenen, Pferde-, Kamel- und Schafherden, Yurten. Es sieht traumhaft aus! 

 

Dafür ist diese Route aber auch dier härtere. Ein Anstieg von 2000 Höhenmetern steht uns bevor. Das schffen wir nicht in einem Tag! Unterwegs hat es aber auch keine Unterkunftsmöglichkeiten, zelten ist angesagt. Wir lassen Kumul hinter uns und fahren der Bergkette entgegen. Die ersten 40km haben eine angenehme Steigung, es lässt sich sehr gut fahren. Doch dann beginnt der Härtetest: sobald wir dei Gebirgskette erreicht haben, wird die Steigung steiler, das zusätzlich Gewicht an Wasser und Lebensmitteln macht sich zudem bemerkbar. Die herrliche Landschaft und Bergwelt entschädigt uns für die Strapazen. Nach über 1200 Hphenmetern sind wir allmählich müde. Es ist aber nicht ganz einfach, entlang der Strasse einen geeigneten Zeltplatz zu finden, vor allem, da bekannt ist, dass Zelten grundsätzlich verboten ist. Und bei all den Kontrollen…Wir haben aber keine andere Wahl. Wir tun uns etwas schwer, den richtigen Platz zu finden in einem eher engen Tal mit einer Strasse. Schlussendlich entscheiden wir uns für einen etwas abgeschotteten Platz, warten aber noch mit dem Aufstellen des Zeltes, bis der Verkehr nachlässt. Die Strasse ist ja nicht weit entfernt und wir wollen vermeiden, dass wir auffallen. Während wir so dasitzen und warten, gesellt sich ein Hirte zu uns. Markus und er unterhalten sich so gut es geht mit google translator, ich nutze seit langem wieder einmal mein “ohne Wörter Buch”. Wir erfahren, dass an unserm Zeltplatz vor 2 Tagen noch 1/2m Schnee lag, dass es in der Nacht sehr kalt wird, dass er lieber Motorrad fährt als Velo zu fahren usw. Ihr seht, ein wenig Unterhaltung ist möglich. Als wir dann endlich unser Zelt aufstellen, fährt doch tatsächlich noch ein Polizeiauto vorbei. Es sieht so aus, als ob sie uns nicht gesehen haben oder auch nichts wissen wollen. Endlich können wir uns im Zelt einrichten und schlafen. Am Morgen weckt uns eine grosse Schafherde, die an unserem Zelt vorbei geht, mit ihrem Geblöke und den Rufen des Hirtes.

 

Der zweite Teil der Bergetappe steht bevor. Wir haben Respekt davor, sind doch unsere Beine vom Vortag noch etwas müde. Wir gehen es langsam an, wohl wissend, dass es die nächsten 11km steil bergauf geht. Wir treten in die Pedale, zählen jeden Kilometer, machen unsere Pausen und Trinkstopps. Es ist hart und auch schwierig, sich zu motivieren. Für uns ist es aber auch ein erster richtiger Test. Denn wenn wir diesen Berg nicht schaffen, wie wollen wir dann den Pamir Highway fahren? 

 

Endlich ist die Passhöhe in Sicht! Ich lege nochmals einen Zacken zu, Markus versteht nicht ganz, warum ich das mache; abgemacht war langsam! Mit dem Ziel vor Augen geht es plötzlich viel leichter! Oben angekommen bietet sich ein herrlicher Ausblick ins Tal! Unglaublich schön, überwältigend! Ein schöner Tempel ziert den Aussichtspunkt, etliche Ausflügler sind hier! Aber kalt ist es. Wir ziehen uns wieder warmer an inclusive Kappe und staunen über die Chinesin, die sich im luftigen ärmellosen Sommerkleid fotografieren lässt.

 

Die Fahrt ins Tal ist herrlich. Wir haben das Gefühl in der schweizer Bergwelt zu sein. Lärchen säumen den Hang, etliche Schneefelder sind zu sehen, und vor allem, es geht bergab. Der Wind saust um die Ohren! Die Mühen des Aufstiegs sind schon fast vergessen. Im Tal angekommen fahren wir weiter Richtung Barkol, wo bereits die nächste Kontrolle auf uns wartet. Pflichtgetreu erteilen wir alle geforderten Informationen. Es dauert halt ein bisschen, hier geht alles viel langsamer von statten. Mein Iranvisa, in welchem ich mit Kopftuch abgebildet bin, scheint immer wieder von Interesse zu sein. 

 

Endlich können wir nach einer guten halben Stunde weiter fahren, Barkol ist noch 70km entfernt. Mehrheitlich geht es bergab. Wir bestaunen die grünen Felder, die Bergwelt. Wir halten in einer Ortschaft, um etwas einzukaufen und fühlen uns nicht mehr in China, sonder in Zentralasien. Die Musik ist anders, vor den Läden sind Grills aufgestellt, Tee wird getrunken, Frauen tragen wieder Kopftücher, ähnlich wie in den Stan-Ländern vom letzten Jahr. 

 

Endlich ist Bakol in Sicht und damit auch die nächste Kontrollstelle. Wir werden angehalten, unsere Pässe kontrolliert. Diese Mal dauert es nur etwa 10 Minuten. Wir waren die Aufmerksamkeit des Tages, 10 Beamte standen um uns herum. Auf unsere Frage, wo wir übernachten, antworten wir ganz simpel, im Hotel. Wir haben ja noch nichts gebucht. Da heisst es bereits: bitte dem Polizeiauto folgen, wir führen euch zum Hotel. Wir sind gespannt, wohin sie uns führen und überlegen uns bereits, was wir machen sollen, wenn das Hotel nicht dem entspricht, was wir uns erwarten. Unsere Bedenken erübrigen sich. Die Polizei fährt uns zu einem schönen neuen Hotel. Beim Einchecken erwähnt die Réceptionistin als erstes, wie viel das Zimmer kostet. Es sind keine CHF30.- . Wir nicken. Aber bis wir schlussenlich ins Zimmer  können, dauert es noch: Formalitäten aufnehmen, Fotos machen, Pässe kontrollieren, nochmals Fotos machen. Und das Gepäck muss gescannt werden, wie im Flughafen. Leider funktioniert der Scanner des Hotels nicht. Alle sind etwas ratlos: Polizei, Réception, wir… Wir sitzen und warten, schlagen die Offerte ab, ohne unser Gepäck ins Zimmer zu gehen. Der eine Security Mann versucht vergeblich, den Scanner wieder zu Lufen zu bringen. Schlussendlich folgt die Enscheidung: unser ganzes Gepäck wird zu einem anderen Hotel gebracht, gescannt und wieder zurück gebracht. Markus geht mit, ich gehe schon mal ins Zimmer, eskortiert von der Réceptionistin und einem Polizisten. Als das WiFi in Betrieb ist, lassen sie mich endlich alleine im Zimmer. Markus ist bald auch da, mit dem gescannten Gepäck, einmal durch die Anlage wie es das Gesetz vorschreibt, niemand schaut auf einen Bildschirm!

 

P.S. Übrigens für alle, die es noch nicht bemerkt haben: wir sind voll am Arbeiten, von Ferien keine Spur!!! (Fahrradfahren, Einkaufen, Planen, Blog schreiben, Route und Bilder herunterladen, Kleider waschen, Motivationstraining, Üben in Geduld, alternative abgelegene Routen fahren, um Kontrollen zu entgehen ….)