· 

300km in 2 Tagen

Der Wetterbericht hält was er verspricht. In der Nacht auf Montag regnet es nochmals so richtig. Als wir aber nach einem herzhaften Frühstück losfahren, klärt sich der Himmel auf, die Strassen werden allmählich trocken. Für uns ist es genau richtig, nicht zu kalt und nicht zu heiss! Wir fahren nicht den direktesten Weg nach Aksu sonder entscheiden uns für die Route entlang des Muzart Flusses, wlecher zwischen der südlichen Bergkette des Tengrigath und Qoltagh liegt. Als Konsequenz dürfen wir einige Höhenmeter pedalen, um in dieses Tal zu gelangen. Wir gehen die Steigung ruhig an, wir haben ja schliesslich den ganzen Tag Zeit und die Sonne geht erst nach 10 Uhr unter. Zudem haben wir genug Proviant dabei um zu campieren, denn der nächste Ort, Baicheng liegt 136km entfernt. 

 

Die wunderbare Szenerie beginnt bereits kurz nachdem wir Kuqa verlassen haben. Wir fahren in den Tianshan Grand Canyon Park, berühmt wegen seines roten Sandsteines und den bizzarren Formationen. Der Reiseführer hält was er verspricht. Die Bilder die sich uns präsentieren sind gewaltig. Immer wieder halten wir an, zücken unsere Handy’s oder unsere Kamera und finden, auch das müssen wir fotografieren, sei es ein Ausschitt, eine spezielle Felsformation, ein Panoramabild, sei es ein kleiner Tümpel der wegen des Regenfalls vom Vortag entstanden ist… und kaum haben wir unsere Geräte weggesteckt, sehen wir bereits das nächste Fotosujet!

 

Nach gut 70km Fahrt erreichen wir die nächste Sehenswürdigkeit, die 1’000 Buddha Grotten von Kizil, die grössten Grotten dieser Art in Xinjiang. Insbesondere die Lage dieser Grotten ist traumhaft. Eingmeisselt in die Klippen der Bergkette mit Blick auf den sich dahinschlängelnden Fluss, saftig grüne Bäume und Alleen – einmal mehr zücken wir den Fotoapparat. Die Anlage als Gesamtes ist wunderschön, die Grotten selbst für uns nichts Neues, da wir schon etliche Grotten entlang der Seidenstrasse besucht haben.  

 

Zurück auf der Hauptstrasse Richtung Baicheng merken wir schnell, dass es schwierig sein wird, einen Campingplatz zu finden. Dank des Flusses ist es hier sehr grün und somit auch ideal für die Landwirtschaft. Entsprechend wohnen hier relative viele Leute, die Felder sind bewässert (wir wollen schliesslich kein Bad nehemen) und wegen des Regens ist alles feucht. Die Entscheidung ist schnell getroffen, wir fahren weiter bis Baicheng, da hat es diverse Hotels zum übernachten. Unterwegs kaufen wir in einem kleinen Laden noch einige Früchte. Gerade als wir losfahren wollen, hält uns ein Mann an, der ein wenig englisch spricht. Er kommt schnell zur Sache und will unsere Pässe sehen. Ich frage ihn, wer er denn sei, ob er zur Polizei gehört? Das verneint er und somit sehen wir uns auch nicht veranlasst, ihm unsere Pässe zu zeigen. Wir fahren los, sehen aber auch, dass der Mann zum Telefon greift und jemanden anruft. Kurz nachdem wir das Dorf verlassen haben, werden wir von einem Polizisten und einer weiteren Person angehalten. Interessanterweise zückt er gleich seinen Polizistenausweis, was wir bisher noch nie erlebt haben und verlangt unsere Pässe, welche wir ihm selbstverständlich zeigen. Es dauert nicht lange und er lässt uns weiterfahren. Uff, das wäre geschafft. Unterwegs buchen wir noch ein Hotelzimmer, das ist immer nützlich, wenn wir den Voucher bei einer allfälligen Kontrolle zeigen können. Kurz nach 20 Uhr erreichen wir Baicheng. Wir freuen uns bereits auf die warme Dusche, ein gutes Essen… Daraus wird leider nichts. Kaum fahren wir im Ort ein, werden wir wie üblich angehalten. Da nicht viele Langnasen hier vorbeikommen, ist die örtliche Polizei auch nicht vertraut, wie sie mit uns umgehen sollen bzw. was zu tun ist. Bis dies geklärt ist, dauert es bereits seine gute 30min. Mit einer Polizeieskorte werden wir durch die halbe Stadt direkt zum Hotel geführt, leider nicht zu dem, welches wir ausgewählt haben. Aber da gibt es nichts zu diskutieren, wir haben da abzusteigen, wo sie uns hingeführt haben. Endlich ist unser Gepäck im Zimmer und gleichzeitig auch 3, manchmal 4 Polizisten, welche zuerst unser Gepäck durchsuchen und dann alles mögliche von uns wissen wollen; vor allem aber auch, welches unser nächstes Ziel ist. Wir geben Aksu, die 166km entfernte Stadt an. Zum Abschluss der Befragung darf Markus noch mit einer englischsprechenden Frau telefonieren. Endlich, um 23 Uhr haben wir das Zimmer für uns. Ein Glas Wein, Tomaten und Brot sind unser Nachtessen, und nach einer warmen Dusche fallen wir todmüde ist Bett. Von der Stadt haben wir leider nichts gesehen, schade, denn bei der Durchfahrt ist mir die eine oder andere Ecke aufgefallen, die ich mir gerne bei einem Spaziergang angeschaut hätte.

 

Nach einer kurzen Nacht setzen wir unsere Fahrt fort. Unendliche lange Alleen zieren die schnurgerade Strasse, links und rechts hat es Felder, im Hintergrund sind die Schneeberge – richtig kitschig sieht es aus. Von Wüstenlandschaft sehen wir vorerst noch nichts. Im ersten Dorf halten wir an, kaufen frisch gebackenes Brot und eine herrliche Melone. Nach gut einer Stunde Fahrt machen wir eine erste kleine Pause, setzen uns in den Schatten eines Baumes. Interessanterweise hält einige Meter vor uns ein Auto an, der Fahrer wirft eine Dose zum Fenster hinaus. Das ist ja nichts aussergewöhnliches. Nach einer weitere Stunde folgt die nächste Pause. Und siehe da, das gleiche Auto hält ebenfall wieder an, dieses Mal einige Meter hinter uns. Markus und ich sind uns schnell einig, was das bedeutet: wir werden überwacht. Die Beamten vom Vortag wollen sicher stellen, dass wir wirklich nach Aksu fahren und nicht irgenwo dazwischen übernachten. Denn in den kleinen Dörfern gibt es keine Hotels und in der einzigen Stadt vor Aksu ist es Ausländern nicht erlaubt zu logieren. Markus scheut sich nicht, zum Autofahrer zu gehen und ihn direkt zu fragen, ob er uns überwacht. Dieser bejaht die Frage und meint, er sei für die Sicherheit und das Recht zuständig, was immer das heissen mag. Wir nehmen es zur Kenntnis. Wir geniessen nichts desto trotz die herrliche Melone. Während wir so dasitzen, kommt die Ablösung mit 2 Polizisten, das Kennzeichen kennen wir immer noch. Die beiden Polizisten sehen, dass wir eine Pause machen, breiten ihre Decke in einiger Entfernung aus und warten, dass wir wieder losfahren. Von nun an sind sie unsere Begleiter für über 100km. Wir bzw. sie sind immer in Sichtweite. Unsere Motivation ist nicht gerade berauschend, es ist ein komisches Gefühl, einfach so unter Beobachtung zu stehen, nicht genau zu wissen, was abläuft. Unsere einzige Hoffnung ist, dass wenn wir dieses Seitental wieder verlassen und auf die bekannte Hauptverkehrsachse G314 zurückkehren, wir wieder auf “freiem Fuss” sind. 

 

Wir radeln vor uns hin, die Landschaft wird wieder karger, vor uns eröffnet sich eine Bergwelt und eine Wüste die all die Unwegsamkeiten vergessen lässt. Ungeachtet unserer Beobachter halten wir an, machen unsere Fotos, geniessen die traumhafte Sicht, machen unsere Trinkstopps und motivieren uns gegenseitig. Wir lassen uns nicht so einfach unterkriegen, auch wenn wir uns zwischendurch die Frage stellen, ob wir von Aksu nicht einfach in den Bus nach Kashgar steigen sollen um diesen Unannehmlichkeiten zu entgehen!

 

Und es kam genau so, wie wir es uns gedacht haben: kaum sind wir auf der G314, überholen uns die beiden Polizisten bei einem Anstieg ein letztes Mal und wurden nicht mehr gesehen. Wir aber haben das Nachsehen. All die schönen Campingmöglichkeiten haben wir bereits passiert, wir sind wieder in dicht bewohntem Gebiet. Uns bleibt nichts anderes übrig, als bis nach Aksu zu fahren, insgesamt 163km. Endlich, um 22 Uhr kommen wir ohne weitere grosse Kontrollen im Hotel an. Gute Nacht! 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Arndt (Freitag, 22 Juni 2018 14:47)

    Hallo Ihr zwei
    Diese Kontrollen sind ja wirklich lästig. Hut ab vor eurer Leistung und das ich euch davon nicht entmutigen lasst.
    Ich wünsche euch weiter eine gute und pannenfreie Fahrt und hoffentlich bald weniger Kontrollen.
    VG Arndt