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Kurzaufenthalt in Kirgistan (3. – 5. Juli)

Wir sind schon früh wach, denn die Zeitdifferenz zwischen China und Krigistan beträgt 2 Stunden. Geschlafen haben wir auf der Höhe von knapp 3000 MüM nur mässig, wir müssen uns allmählich an diese Höhe gewöhnen. Auf der anderen Seite kommt uns das gelegen, wollen wir doch früh aufbrechen. Unser erster Pass mit 3700 MüM steht auf dem Tagesprogramm. 

 

Um 7 Uhr hören wir die ersten Geräusche im Haus, die Gastgeberin ist also auch schon wach. Das ist auch für uns das Zeichen, aufzustehen und zu packen. Wir sind beide etwas nervös, ob wir diese Höhe meistern, speziell mit unseren beladenen Velos. Nach einem einfachen Frühstück, Tee, Brot und Kirschenkonfitüre machen wir uns auf den Weg. Die Gastgeberin winkt uns zum Abschied zu und wünscht uns gute Reise. 

 

Das Wetter ist uns vorerst noch gut gesinnt, die Sonne scheint. Doch in der Ferne über den Bergen sehen wir bereits die ersten grauen Wolken, die nichts  Gutes verheissen. Wir fragen uns: sollen wir wirklich losfahren? Die Antwort ist schnell gegeben: daran müssen wir uns gewöhnen, wenn wir im Hochgebirge unterwegs sein wollen. Da kann das Wetter eh schnell umschlagen. 

 

Schon kurz nach dem Start beginnt die Steigung. Wir müssen den Rhythmus zuerst noch finden. Oft trampen wir noch zu schnell in dieser Höhe und sind dann nach kurzer Zeit ausser Atem. So geht es nicht! Wir müssen alles einen Tick langsamer angehen. Das funktioniert! Gemählich fahren wir dahin, bestaunen die Wunder der Natur, geniessen die Ruhe und Abgeschiedenheit, die nur ab und zu durch einen Lastwagen oder ein Auto gestört wird. Immer wieder halten wir an um ein Foto zu schiessen.  In regelmässigen Abständen trinken wir unsere Ration Wasser und essen etwas Kleines. Wir stellen fest, unser Körper schreit nach Energie in diesen Höhen und mit diesen Anstrengung. Für die Pausen suchen wir uns wenn möglich ein Plätzchen im Windschatten. Gut geeignet sind die Betonelemente entlang der Strasse, da finden wir unseren Windschutz. Lange machen wir jedoch nicht Rast, es ist zu kalt und zu wenig einladend, um einfach sitzen zu bleiben. Am Nachmittag  nehmen die Wolken zu, die Sonne kommt immer weniger zum Vorschein. Wir beobachten, wie sich vor uns ein Gewitter zusammenbraut. Wir entscheiden uns, die Regenkleider anzuziehen und fahren weiter. Plötzlich nimmt der Wind stark zu, wir müssen zu Fuss gehen; dann wird er so stark dass wir unsere Fahrräder auf den Boden legen und uns hinter einem Bord in den Windschatten stellen müssen. Wir hören das Donnergrollen, sehen die Regenstreifen rund um uns herum. Wir haben Glück und kommen mit wenigen Regentropfen davon. Kaum ist diese Gewitterfront abgeklungen, fahren wir weiter. Es ist bissig kalt geworden. Wir ziehen unser Kappen und warmen Handschuhe an. Endlich ist die Passhöhe in Sicht. Bevor wir den letzten Anstieg in Angriff nehmen, kommen uns die ersten anderen Velofahrer entgegen, Oli und Andrea aus München. Selbstversändlich nutzen wir die Gelegenheit, trotz Kälte und schlechtem Wetter einen Schwatz zu halten, SIM-Karten auszutasuchen (Kirgisische SIM gegen Chinesische SIM), einige Infos weiterzugeben. Diese Begegnungen sind immer wieder schön und wertvoll. 

 

Den letzten Aufstieg auf 3700 MüM schaffen wir gerade noch, dann geht es nur noch bergab, fast. Die nächste Gewitterfront trifft uns voll, Sary Tash ist nur noch 30km entfernt. Endlich fahren ins Dorf und schaffen uns zuerst einen Überblick, welche Homestays es gibt. Schon treffen wir wieder auf andere Fahrradfahrer, die uns den Tipp geben, in welchem Homestay wir absteigen sollen. Das Zimmer ist soweit o.k., das Essen hingegen ist sehr gut! Markus erhält zur Belohnung des Tages sogar ein Bier. Wir unterhalten uns noch lange mit den verschiedenen Reisenden. Für uns ist es herrlich, sich nach gut 10 Wochen China wieder mit anderen Leuten reden können. Das ist definitive zu kurz gekommen. 

 

Am Abend beschliessen wir noch, dass wir einen Tag Pause einlegen und uns auf 3200 MüM etwas aklimatisieren wollen, bevor wir den nächsten Pass in Angriff nehmen. Wir sind schliesslich nicht in Eile. Erschöpft aber zufrieden, dass wir diesen ersten Pass geschafft haben, schlafen wir ein. 

 

Unser Ruhetag in Sary Tash verläuft wirklich ruhig. Wir erleben den Alltag der Homestay Besitzer  und schauen zu, wie Mutter und Tochter Butter und Yoghurt herstellen. Der Mann ist für das Feuer zuständig, auf welchem gekocht wird. Ab und zu verschwindet er, kümmert sich um das Vieh. Die Frau und die Töchter bereiten Teigtaschen, Samosas und weiteres Essen für die Restaurantgäste zu, kochen Wasser, damit sich die Gäste mit warmem Wasser waschen können, die kleinen Buben spielen im Hof. Es geht alles gemächlich seinen Gang. Wir unternehmen einen Spaziergang durchs Dorf – 10 Minuten reichen dafür aus – kaufen im Dorfladen noch einige Snickers ein, füllen endlich unsere Benzinflasche wieder, damit wir fürs Campieren gerüstet sind, planen unsere nächsten Veloetappen, ich mache einen ausgedehnten Mittagsschlaf mit der positive Folge, dass meine Kopfschmerzen weg sind, Makrus unterhält sich in der Zwischenzeit mit anderen Reisenden. Wir gehen früh schlafen, steht uns doch ein strenger Tag bevor.

 

Um 8 Uhr sind wir schon fast reisefertig, die Velos sind bepackt. Nach dem Frühstück fahren wir los Richtung Kyzil-Art Pass, 4’286 MüM. Hier beginnt für uns die Reise entlang des Pamir Highways, auf der M41. Diese wurde in den 30-er Jahren von russischen Militär Ingenieuren erbaut. Für damalige Zeiten war das eine geniale Errungenschaft. Es ist die zweithöchste international Strasse der Welt. Die erste Konstruktion dauerte nur 3 Jahre , die Strasse wurde aber später weiter ausgebaut um eine bessere Zugänglichkeit für die Invasion nach Afghanisatn im Jahre 1979 zu ermöglichen. 

 

Wir freuen uns auf diesen neuen Reiseabschnitt, haben Respekt davor und sind wie immer gepsannt auf die neuen Abenteuer.

 

Wir fahren mehrere Kilometer mit sanftem Anstieg in einem breiten grünen Tal. Da Sommerzeit ist, sind überall Jurten aufgestellt. Wenn Kinder uns von Weitem sehen, rennen sie von der Jurte zur Strasse um uns hallo und byebye zuzurufen. Ich fühle mich in Kindertage zurück versetzt, als wir am Sonntag an der Strasse sassen und die vorbeifahrenden Autos gezählt haben um uns die Zeit zu vertreiben. Pferde und Yaks grasen auf den Weiden. Für uns ist es Idylle pur. Hier wirklich zu leben ist hingegen sehr hart. 

 

Schon bald kommt uns ein weiterer Velofahrer entgegen. Im Vorfeld der Reise hatten wir bereits gehört, dass mehrheitlich die Route von West nach Ost gefahren wird und wir, die von Ost nach West fahren, viele Radfahrer treffen werden. Er erzählt uns, dass der letzte und steilste Abschnitt des Passes mit seinen Serpentinen, wohlverstanden ungeteert, wegen des Regens und Schneefalls der letzten Tage kaum befahrbar sei. Dasselbe hatten wir bereits im Homestay in Sary Tash von Motorradfahrern gehört. Na Toll! Da können wir uns ja auf einiges gefasst machen.

 

Wir entscheiden uns, diese Etappe bis zur Passhöhe aufzuteilen und zuerst mal bis zu den Serpentinen auf 4’000 MüM zu fahren. Von dort aus sind es dann noch knapp 3km und 250 Höhenmeter bis zur Passhöhe. Angeblich soll es dort auch ein Homestay haben, wo wir übernachten können. Das wäre ideal, um uns weiter an die Höhe anpassen zu können.

 

Je weiter wir fahren, je schlechter wird die Strasse. War sie am Anfang immerhin geteert mit eingen Löchern drin, wird sie immer mehr zur Naturstrasse. Auch wird die Steigung etwas grösser. Wir lassen uns nicht beirren, schliesslich haben wir den ganzen Tag nichst anderes zu tun als Velo zu fahren. 26km vor der Passhöhe sind wir bereits wieder an der kirgisischen Grenze. Die Passkontrolle verläuft problemlos, in kurzer Zeit haben wir unseren Ausreisestempel im Pass und betreten das Niemandsland zwischen Kirgistan und Tadschikistan. 

 

Am späteren Nachmittag erreichen wir das No mans land Homestay, wenn man das überhaupt so bezeichnen kann. Es ist eine Baracke, bei uns zu Hause ist jeder Stall viel schöner und besser ausgebaut. Diese Hütte besteht aus 3 Zimmern, dem Eingangsbereich (unser Schlafzimmer)/ Küche, dem Hautpzimmer, das als Stube, Esszimmer und Schlafraum für die 8 Personen der Familie dient, und einem weiteren Gästeraum. WC ist, wie hier üblich, in einem separaten Häuschen auf der andern Seite der Strasse. Kissen oder Matten stehen in unserem Raum nicht zur Verfügung wie das bei anderen Homestays der Fall ist, lediglich ein alter Teppich deckt den Boden, aber das spielt eh keine Rolle, ich schlafe lieber in meinem Schlafsack. Die Alternative wäre campieren. Aber bei diesen Temperaturen und dem zu erwartenden Regen oder Schnee ist es doch besser, ein Dach über dem Kopf zu haben. Gottlob treffen gegen Abend noch 2 weitere Velofahrer ein, ein französisches Paar in unserem Alter. So haben wir immerhin gute Gesellschaft. Bis wir schlafen gehen, können wir die geheizte Stube nutzen und dort das einfache Nachtessen, Brot und Yak Yoghurt, welches übrigens sehr lecker ist, einnehmen. An Schlafen ist anfänglich nicht zu denken. Da wir im Eingangsbereich liegen, ist noch ein Kommen und Gehen der ganzen Familie im Gange, die Eingangstüre wird nicht geschlossen, so dass die eisigkalte Luft in den Raum kommt. Erst als wir uns beschweren, wird es besser. 

 

In dieser Höhe schlafen wir beide nach wie vor schlecht, wachen immer wieder auf. Als Markus Nachts kurz aufsteht, Tee sei Dank, kommt er zurück und meldet, dass es draussen schneit. Mit diesem Wissen und dem Wissen darum, dass am Morgen ein strenger Anstieg bevorsteht, dämmere ich bis in die frühen Morgenstunden vor mich hin.