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Willkommen in Tadschikistan (6. /7 Juli 2018)

Noch vor Sonnenaufgang sind wir beide wach. Ich stehe kurz auf, um zur Toilette zu gehen. Das Bild, das sich vor mir auftut, ist wunderschön: verschneite Berge, einige Yaks die auf der Weide liegen, erste Sonnenstrahlen, einige Wolken und Nebelschwaden – ich gehe gleich zurück und hole den Fotoapparat. Diese Eindrücke möchte ich unbedingt festhalten.

 

Wir sind schnell reisefertig und froh, diesen Ort verlassen zu können. Ein kleines Detail ist mir aufgefallen. Beim Schlusschek, ob wir alles eingepackt haben sehe ich  auf dem Fenstersims ein Glas mit Frühlingsblumen. 

 

Wir verabschieden uns von den beiden Franzosen Claudine und Marcel, wünschen uns gegenseitig gute Weiterfahrt und machen uns an den Aufstieg. 

 

Die Strassenverhältnisse sind genau so, wie sie uns beschrieben worden sind: die Strasse ist schlammig, lehmig, wegen der Nässe entsprechend rutschig, überall hat es Felsbrocken und Geröll, es ist steil, vor allem in den Kurven. Wir verschwenden keinen Gedanken daran, überhaupt einen Versuch zu starten, diese Strecke zu fahren. Wir schieben, teilweise stemmen unsere Räder hoch. Der Dreck bleibt zwischen Schutzblech und Pneu hängen, so dass wir immer wieder anhalten und den Dreck wegschaben müssen. Die Veloschuhe sehen nicht besser aus und werden immer schwerer. Auch hier bleibt der Dreck hängen. Zudem ist die Luft hier dünn. Ganz langsam geht es vorwärts, Schritt um Schritt. Sobald wir etwas aus dem Rhythmus kommen, etwas schneller laufen, kommt die Retourkutsche, wir bekommen nicht genügend Atem. Unterwegs treffen wir einen Jeep, der von der Strasse abgekommen ist, wahrscheinlich hat es das Auto überschlagen, denn der Dachträger inkl. Frücht, Gepäck, Kiste sind überall verstreut. Das überrascht nicht bei diesen Strassenverhältnissen. Immerhin, Verletzte schein es keine zu haben. Mit einem andern Jeep versuchen die Kirgisen, das Auto wieder auf die Strasse zu bringen, kein leichtes Unterfangen. Wir passieren die Unfallstelle, helfen können wir eh nicht. Endlich sehen wir in einiger Entfernung die Passhöhe. Mit dem Ziel vor Augen geht das Gehen und Schieben etwas leichter. Krafttraining für die Arme haben wir heute gratis dazu. Mit grosser Erleichterung erreichen wir die Passhöhe. Geschafft! Willkommen in Tadschikistan! Das müssen wir natürlich fotografisch festhalten. Ein Selfie genügt nicht, da muss die Kamera mit Selbstauslöser her! Das Glücksgeühl lässt aber noch auf sich warten, wir können es gar noch nicht richtig fassen, dass wir oben sind! Wir verweilen nur kurz hier oben, schliesslich wollen wir heute noch Karakul am gleichnamigen See erreichen. Die Abfahrt gestaltet sich um einiges einfacher als der Aufstieg, auch wenn die geteerte Strasse noch etwas auf sich warten lässt. Nach wenigen Kilometern passieren wir den Grenzkontrollposten von Tadschikistan. Die Grenzformalitäten gehen zackig über die Bühne, schon bald haben wir die notwendigen Stempel im Pass. Am Grenzposten gilt es ein letztes Mal so richtig durch den Dreck zu gehen. Meine Veloüberziehschuhe habe ich definitv zu früh angezogen, sie triefen vor Dreck. Endlich sind wir wieder auf Asphalt, die Abfahrt wird einfacher. Plötzlich bemerkt Markus, dass er einen Platten hat. Auch das noch! Wir versuchen das Loch im Pneu zu finden, sehen aber nichts. Nach dem einfüllen von Dichtflüssigkeit ist alles wieder gut. Um Karakul zu erreichen, dürfen wir noch einen weiteren Pass mit einer Passhöhe von 4256 MüM fahren. Von der Passhöhe haben wir einen herrlichen Ausblick auf den türkisblauen Karakulsee. Wir beginnen die sanfte Abfahrt, geniessen das Panorama und die verschiedenen Lichtspiele, welche durch Sonne und Wolken entstehen. Unterwegs werden wir von 3 Israeli, welche ihr Auto am Strassenrand parkiert haben, zum Mittagessen eingeladen. Herrlich schmeckt die Suppe und das Fertiggericht, das sie uns servieren. Die Drei können es kaum fassen, dass wir ein solches Unterfangen gestartet haben. Wir scherzen, lachen, unterhalten uns, bevor beide Gruppen ihre Weiterfahrt antreten.

 

Was wäre der Tag ohne Regen. Kaum wieder unterwegs, frischt der Wind auf, wir spüren die ersten Regentropfen. Was soll’s! Für etwas haben wir unsere Regenkleider dabei. Die Bilder, die wir im Gegenzug zu sehen bekommen, sind unglaublich: Gewitterstimmungen von Feinsten, Sonnenstrahlen, die sich im See spiegeln, lokale Wolken mit Regengüssen… am besten schaut ihr euch die Bilder davon an. Mir fehlen die Worte, um alles zu beschreiben!

 

Endlich erreichen wir Karakul. Dank dem Tipp von Claudine und Marcel wissen wir auch bereits, in welchem Homestay wir absteigen sollen. Nämlich da, wo sich viele Fahrradfahrer treffen und vor allem da, wo es eine warme Dusche gibt! Und genau so ist es. Bei unserer Ankunft ist schon fast Full house, gut und gerne sind etwa 12 Leute bereits einquartiert. Für uns hat es auch noch ein Plätzchen. Es fühlt sich an wie früher im Ferienlager – geschlafen wird im Massenschlag (wir waren zu fünft). 

 

Mit der Einreise in Tadschikistan machen wir neue Erfahrungen, was es heisst, nichts zu haben. Auf dieser Höhe wächst kaum etwas, einige Tiere weiden in der Ebene und essen die wenigen Büsche und Gräser, die in dieser kargen Landschaft wachsen. Entsprechend gibt es essensmässig wenig Abwechslung. Frisches Gemüse und Früchte müssen von weit her transportiert werden. Einfache Kartoffelgerichte, Eier und Brot werden in nächster Zeit deshalb zu unseren Hauptnahrungsmitteln gehören. Strom gibt es kaum. Zwischen 19.00 und 21.00 läuft der Generator, dann ist Lichterlöschen angesagt. Ab und zu hat das Mobile Empfang, mehrheitlich jedoch nicht. Etwas internetfreie Zeit liegt vor uns, auf die Bilder müsst ihr warten.  

 

Die Besitzer unseres Homestays sind sehr angenehme und aufmerksame Gastgeber. Sie haben das Homestay heimelig eingerichtet und vor allem, es gibt eine warme Waschgelegenheit. In einem kleinen Nebengeäude heizen sie auf einem Holzofen einen riesigen Eimer mit heissem Wasser auf, daneben steht ein Eimer mit kaltem Wasser, um die richtige Wassermischung/Temperatur zu mischen. Das lassen wir uns natürlich nicht entgehen. Mit einer Schöpfkelle giessen wir das Wasser über uns, es dampft wie in einer Sauna. Es fühlt sich herrlich an – nach diesem strapaziösen Tag fühlen wir uns nach der Dusche wie neugeboren. 

 

Zusammen mit den andern Gästen verbringen wir einen gemütlichen Abend, bevor wir “mit den Hühnern” ins Bett gehen. 

 

Am nächsten Morgen sind wir mit den Hühnern wider wach. Uns steht ein gemütlicher Tag bevor. Wir wollen uns ausgiebig ausruhen und unsere Batterien laden, bevor wir den höchsten Pass dieser Reise befahren. 

 

Wir schauen den anderen Velo- und Motorradfahreren zu, wie sie sich für die Weiterreise  bereit machen, tauschen Adressen aus, verabschieden uns. Den einen oder andern werden wir unterwegs sicherlich wieder treffen. Dann wird es ruhig, wir sind noch die einzigen Gäste, die bleiben. Wir machen einen kleinen Spaziergang im Dorf. An verschiedenen Stellen sind Wasserpumpen installiert, Frauen und Mädchen füllen hier ihre Wassereimer und tragen sie nach Hause. Ganze 2 Dorfläden gibt es hier. Wir betreten den einen davon, der in einer Yurte untergebracht ist. Es gibt genau ein Regal, 1m breit, 2 m hoch. Das Regal ist fast leer; es hat 5 Literflaschen Wasser, 4 davon kaufen wir, 2 Packungen Orangensaft, einige Fertiggerichte, 2 Pack alte Guetsli – das wars. Im zweiten Laden findet Markus noch WC Papier und Zundhölzer. Viel mehr gibt es nicht. In den Höfen der Häuser sehen wir, wie das trockene Gestrüpp der Umgebung gestapelt wird, welches nebst dem getrockneten Kuhmist zum Feuern benutzt wird.  Einige Männer stellen Ziegelsteine her, andere Männer diskutieren in kleinen Gruppen auf dem Dorfplatz. Wir fühlen uns in eine andere Welt versetzt. Und doch: alle Leute sind sehr freundlich, haben ein Lächeln im Gesicht. Unmöglich für uns, auf längere Zeit so zu leben. Und wie es erst im Winter sein mag, mit den kurzen Tagen, meterhohem Schnee, Eiseskälte…

Eine kleine Velofahrt an den Karakulsee runden den Tag ab. Am Abend treffen noch 5 Motorradfahrer ein, so haben wir etwas Gesellschaft.

 

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