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Murghab - Langar (11. - 15.07. 2018)

Wir stehen früh auf und frühstücken, bevor alle andern Touristen ebenfalls zum Frühstück kommen. Wenn ich früh meine, dann ist es auch früh. Auch wenn in Tadschikistan die Uhr eine Stunde später gestellt werden muss als in Kirgistan, so nutzen die Leute in Murghab die Kirgisische Zeit. Grund dafür ist, dass in Murghab viele kirgisisch stämmige Leute wohnen und diese einfach “ihre Zeit” verwenden. Etwas verwirrlich ist dies schon, weiss man nie genau, welche Zeit jetzt effektif gemeint ist, wenn man gefragt wird, um welche Zeit man z.B. Frühstücken will. Wir stehen also bereits vor 05.00 Tadschikische Zeit auf, so dass wir spätestens um 7.00 Uhr  losfahren können. Beim Bepacken der Velos hören wir plötzlich Trommelklänge. Neugierig wie ich bin, gehe ich zur Strasse. Da steht eine Gruppe von Frauen, welche mit ihren Tambourins diese Klänge produzieren. Es passt wunderbar in diese Bergwelt. Beim Wegfahren sind die Frauen immer noch am Spielen. Die Tambourinklänge begleiten uns. Herrlich!

 

Beim Verlassen der Stadt passieren wir noch einen Kontrollposten. Das geht definitiv viel zügiger voran als in China. Die Daten des Passes werden notiert, das spezielle Visa für den Pamir wird geprüft, das ist es auch schon. Nach wenigen Minuten können wir weiterfahren. Vor uns eröffnet sich ein traumhaftes Tal mit einer unendlich weiten Hochebene, saftig grünem Gras und weidenden Kühen. Es sieht aus wie im Bilderbuch. Nach etlichen relative flachen Kilometern beginnt der Anstieg zum Naizan Pass, 4137 MüM, der vierte 4’000-er von fünf.  Die Höhe macht uns nicht gross zu schaffen, wir haben uns daran gewöhnt langsam zu fahren. Wir kommen schon gar nicht mehr in Versuchung, noch schnell das “Högerli” hochzutrampen, das braucht schlichtweg zu viel Energie. Endlich erreichen wir die Passhöhe. Hier oben ist es zügig kalt und wie nicht anders zu erwarten, bläst uns heftiger Gegenwind entgegen. Wir ziehen uns warm an, Handschuhe, Mütze, Regenjacke, Regenhose – wir können alles gebrauchen. Die Abfahrt gestaltet sich entsprechend mühsam. Anstatt einer tollen schnellen Abfahrt treten wir heftig in die Pedalen, um überhaupt etwas an Geschwindigkeit zu gewinnen. So macht Fahrradfahren keinen Spass. Nach 20km entscheiden wir, die Übung für diesen Tag abzubrechen und einen Campingplatz zu suchen. Wir werden schnell fündig, finden wir doch ein ideales Plätzchen, welches im Windschatten eines Hügels liegt. Im Zelt aufstellen sind wir zwischenzeitlich geübt, gegessen haben wir auch schnell. Dann gehts ab ins Zelt.

 

Am folgenden Morgen hat sich der Wind noch nicht gelegt. Obwohl wir sehr früh unterwegs sind, bläst er uns heftig um die Ohren. Nach 40km Fahrt erreichen wir die nächste Ortschaft, Alichur. Wir entscheiden uns, hier Halt zu machen. Schnell finden wir ein Homestay. Erst als wir bereits unser ganzes Gepäck und die Fahrräder im Zimmer haben stellen wir fest, dass es hier keinen Strom gibt! So ein “Mist”!  Also nochmals alles von Vorne. Wir fahren an den Anfang des Dorfes zurück, da habe ich ebenfalls ein Homestay gesehen. Hier klappt es. Ein schönes kleines Homestay erwartet uns. Unser Zimmer liegt gleich neben der Küche, so dass wenn immer in der Küche gekocht oder gebacken wird, es schön warm in unserem Zimmer ist. Das beste ist jedoch das frisch gebackene Brot. Kaum betreten wir das Haus, weht uns ein herrlicher Duft entgegen, ich sehe die frisch gebackenen Brote aufgereiht in der Küche. Diese Gelegenheit lassen wir uns nicht entgehen: Markus kauft gleich 2 Brote. Genussvoll verzehren wir eines davon, am Boden sitzend in unserem Zimmer. Selten haben wir in letzter Zeit so gutes und knuspriges Brot gegessen! Einmal mehr zeigt sich wie wenig es braucht umd zufrieden zu sein. Unsere Gadgets können wir zudem alle aufladen. Wir geniessen einen gemütlichen Nachmittag im Zimmer mit vielen grünen Planzen, eine wunderbar warme tadschikische Dusche und ein schlichtes Abendessen. 

 

Einmal mehr sind wir erstaunt, dass es hier keinen Strom hat. Vor jedem Haus hat es einen Elektrizitätsmasten, das haben wir von weither gesehen. In unserem Zimmer im Homestay steht sogar ein alter PC auf dem Kasten, ein Zeichen dafür, dass es hier früher tatsächlich Strom gegeben hat. Aber ohne Wartung geht eben nichts. 

 

Wir unterhalten uns mit dem Sohn des Besitzers, der sehr gut Englisch spricht, eine Seltenheit hier in Tadschikistan. Er erzählt uns ein wenig vom Leben in Alichur und seinem Wunsch, Tourismus zu studieren. Ob er seinen Traum realisieren kann? Ein Studium in Tadschikistan ist für hiesige Verhältnisse sehr teuer. Ein Jahr kostet ca. 5’000$. Wenn man bedenkt, dass Tadschikistan zu den 30 ärmsten Ländern der Welt zählt, das Durchschnittseinkommen bei 2$/Tag liegt, ist das eine enorme Summe. Die Verdienstmöglichkeiten mit den Touristen sind auf eine kurze Zeit während des Sommers beschränkt. Einzig im Winter gibt es noch vereinzelt Touristen, welche auf Jagd gehen wollen um einese der berühmten Marco Polo Schafe zu jagen. 

 

Beim Spaziergang und Einkaufsbummel im einzigen “Magazin” des Dorfes sehen wir eine Tafel die darauf hinweist, dass hier in Alichur ein Wasserpumpenprojekt, von der CH unterstützt, am Laufen ist, eine gute Sache. Aus eigener Erfahrung wissen wir, wie rar gutes und sauberes Wasser in Tadschikistan zu bekommen ist.

 

Wie schon oft auf dieser Reise, beginnt unser Radlertag mit 2 kleineren Anstiegen. Nach gut 20 km Fahrt verlassen wir die berühmte M41 und zweigen in den Whakan Korridor ab. Ab jetzt ist für die nächsten 120km Schotterstrasse angesagt. Davor haben uns alle Veloreisenden erzählt. Wie hart diese Route tatsächlich ist, wie oft die Strasse schlichtweg nicht befahrbar ist und das Velo gestossen werden muss, davon hört man kaum etwas!  Wir fahren an wunderbaren aber sehr kargen Landschaften vorbei, passieren den “Stinky Lake” (der stinkt tatsächlich wegen der Mineralien) und andere Salzseen. Es geht immer leicht bergauf Richtung Khargush Pass (4344 MüM). Es hat kaum Verkehr, Velofahrer treffen wir keine. Einmal mehr ist das letzte Stück bis zur Passhöhe steil, schieben ist angesagt. Teilweise sind die Steigungen so steil, dass wir zu zweit ein Velo nach dem andern hochschieben müssen. Der Untergrund besteht aus Sand, grossen Kieseln, wir finden sogar zu Fuss kaum Halt und rutschen immer wieder aus. Ich habe schlichtweg keine Lust mehr, meine Motivation lässt zu wünschen übrig. Doch Markus spornt mich an und meint, so kurz vor dem Ziel könne ich doch nicht aufgeben! Und siehe da, nach der nächsten Kurve ist die Passhöhe in Sicht. Endlich! Der letzte 4000’er ist geschafft. Welche Erleichterung!

 

Ab jetzt steht downhill fahren auf dem Programm. Die ausgewaschene Gebirgststrasse gleicht teilweise einem Bachbett. Die Fahrt mit dem Mountainbike  wäre herrlich, mit Tourenvelo und Gepäck gestaltet sich dieses Unterfangen etwas anspruchsvoller. 

 

In Kargush erwartet uns eine weitere Grenzkontrolle. Hier müssen wir kurz warten, denn die Grenzwächter müssen von der gegenüberliegenden Seite des Tales kommen um uns zu kontrollieren. Wir unterhalten uns in der Zwischenzeit mit 3 Touristen, welche mit einem klapprigen Lada unterwegs sind. Das ist definitv auch Abenteur pur, denn ansonsten trifft man hier nur 4x4.

 

Nach einer weiteren Campingnacht in einsamer Umgebung und traumhaftem Sternenhimmel erwartet uns eine Abfahrt von 1000 Höhenmetern.

 

Aber wie das so ist mit den Abfahrten: es gibt immer wieder diese Gegensteigungen! 

Die Fahrt führt uns entlang des Pamir Flusses, welcher Afghanistan und Tadschikistan trennt. Das Tal ist relative eng, der Pamir fliesst in einer tiefen Schlucht, die Strasse windet sich dem Berg entlang. Die Aussicht ist wunderbar, eindrückliche Landschaften reihen sich aneinander, Gebirgszuüge und vor allem die schneebedeckten 6000/7000 haben wir immer im Blickfeld. Die Fahrt selbst ist sehr anspruchsvoll, der Blick ist immer auf die Strasse gerichtet um die ideale Fahrrinne zu finden. Und doch bleiben wir das eine oder andere Mal im Sand oder Schotter stecken. Steine, Wellblech und Löcher sind unsere Begleiter. Die Fahrt ist kräftezehrend und anstrengend. Wir sind froh, dass wir nicht von West nach Ost fahren müssen, wie das die meisten andern Velofahrer machen, wir finden die es schon abwärts/geradeaus extrem herausfordernd. 

 

Ab und zu treffen wir auf Hirten mit ihren Schaf- oder Ziegenherden. Ein kleiner Bub hat es Markus angetan. Wie er da mit seinen Ziegen die Strasse überquert, uns zuwinkt – Markus schenkt ihm eines der kleinen Taschenmesser, die wir als Geschenk mitgenommen haben – sein strahlendes Gesicht wir uns noch lange in Erinnerung bleiben. Unterwegs treffen wir 2 Schweizer und etliche andere Velofahrer, welche von West nach Ost unterwegs sind. Dabei hören wir immer wieder von den 5 Velofahrern, welche wir von Murghab her kennen: Kim und René aus Holland, Lauren und Jay aus den US und Hektor von Spanien. Wir folgen auch ihren gut sichtbaren Fahrradspuren.

 

 

Enldich kommt nach fast 60 km Langar in Sicht – dieses Dorf is wunderbar gelegen im grünen Tal. Wie schön es ist, nach dieser kargen Landschaft der letzten Etappen endlich wieder Bäume und Gras zu sehen, das hat uns gefehlt!

Nach etlichen Serpentinen erreichen wir Langar. Kinder belagern uns, Erwachsene bieten ihre Homestays an, doch wir fahren weiter ins Dorf und wollen uns erst einen Überblick schaffen. Da sehe ich ein relative neues Guesthouse – und wer winkt uns zu? Kim, die Holländerin der 5-er Gruppe. Da brauchen wir nicht lange zu überlegen!

Wir steigen im gleichen Guesthouse ab – welch herzliches Wiedersehen…

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